Welche Infektionen lösen Schwindel aus? Überblick und Warnzeichen

Dr. med. Kathrin Hamann · · 6 Min

Das Gleichgewichtssystem und Infektionen

Schwindel ist ein häufiges Begleitsymptom von Infektionen. Das liegt daran, dass das Gleichgewichtsorgan im Innenohr über einen Nerv eng mit dem Gehirn verbunden ist – und dass allgemeine Infekte über Fieber, Flüssigkeitsverlust und Schwäche den Kreislauf belasten. Je nachdem, welche Infektion dahintersteckt, fühlt sich der Schwindel unterschiedlich an: als Drehschwindel, als Benommenheit oder als Schwankschwindel.

Die Art des Schwindels allein gibt keine Diagnose. Aber sie hilft bei der Einordnung, gemeinsam mit Begleitbeschwerden wie Hörproblemen, Fieber oder Ohrenschmerzen.

Infektionen des Innenohrs: die häufigste „echte" Schwindelursache

Vestibularisneuritis (Entzündung des Gleichgewichtsnervs)

Eine Vestibularisneuritis ist eine Funktionsstörung beziehungsweise Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Sie tritt oft im Zusammenhang mit einem vorangegangenen oder begleitenden Atemwegsinfekt auf – die genaue Ursache ist nicht immer sicher geklärt. Typisch sind:

  • heftiger, länger anhaltender Drehschwindel, auch in Ruhe;
  • Übelkeit, manchmal Erbrechen;
  • Gangunsicherheit, das Gefühl, zur Seite zu ziehen;
  • keine Hörminderung – das Gehör bleibt üblicherweise unbeeinträchtigt.

Der Schwindel kann mehrere Tage stark sein und sich danach über Wochen bessern. Lassen Sie die Diagnose ärztlich stellen, bevor Sie Übungen oder Lagerungsmanöver versuchen – die Unterscheidung zu anderen Schwindelformen, etwa dem gutartigen Lagerungsschwindel, braucht eine Untersuchung.

Labyrinthitis (Innenohrentzündung)

Bei einer Labyrinthitis ist neben dem Gleichgewichtsapparat auch das Hörorgan im Innenohr entzündet. Kennzeichen sind Drehschwindel zusammen mit Hörproblemen – einer plötzlichen Hörminderung, Ohrgeräuschen oder Druckgefühl. Das kann auch ein Hörsturz sein. Eine neue Hörminderung mit Schwindel sollte noch am selben Tag untersucht werden.

Mittelohr und Nebenhöhlen

  • Mittelohrentzündung: Bei einer Erkältung kann die Belüftung des Mittelohrs gestört sein und sich eine Entzündung entwickeln. Typisch sind Ohrenschmerzen, Druckgefühl und gedämpftes Hören. Schwindel fühlt sich eher als Benommenheit oder Schwanken an; ausgeprägter Drehschwindel ist möglich und braucht eine Untersuchung.
  • Nasennebenhöhlenentzündung: Eine Entzündung der Nebenhöhlen kann ein Druckgefühl im Kopf, verstopfte Nase und Schmerzen im Gesicht verursachen. Der resultierende Schwindel ist meist eher ein Benommenheitsgefühl als ein echter Drehschwindel.

Allgemeine Infektionen mit Kreislauf- und Erschöpfungsfolgen

Grippe, COVID-19 und auch Magen-Darm-Infekte können Schwindel auslösen, ohne dass das Innenohr beteiligt ist. Fieber, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall und wenig Trinken oder Essen belasten den Kreislauf. Typisch sind Benommenheit, Schwarzwerden vor Augen beim Aufstehen und Schwäche.

Wenn Ihre Kreislaufbeschwerden im Vordergrund stehen, lesen Sie unseren Beitrag Kreislaufprobleme bei Erkältung. Die allgemeine Einordnung von Schwindel während eines Infekts – und was Sie selbst tun können – finden Sie in Erkältung und Schwindel.

Seltene, aber wichtige Infektionen

  • Herpes zoster oticus: Eine Gürtelrose im Ohrbereich kann Drehschwindel, Ohrgeräusche, Bläschen am Ohr und eine Gesichtslähmung verursachen. Solche Zeichen gehören sofort ärztlich untersucht.
  • Hirnhautentzündung (Meningitis): Fieber mit sehr starkem Kopfschmerz, steifem Nacken, Lichtempfindlichkeit und zunehmender Benommenheit ist ein Notfall – wählen Sie 112.

Wann brauchen Sie sofort Hilfe?

Wählen Sie 112, wenn Schwindel plötzlich zusammen mit einem dieser Zeichen auftritt:

  • Lähmung, Taubheitsgefühl, herabhängender Mundwinkel oder Sprachstörung;
  • neue Sehstörungen, insbesondere Doppelbilder;
  • plötzliche Hörminderung, besonders einseitig;
  • Bewusstlosigkeit, Brustschmerz oder starke Atemnot;
  • Fieber mit sehr starkem Kopfschmerz und steifem Nacken.

Lassen Sie neu aufgetretenen starken oder anhaltenden Schwindel noch am selben Tag abklären – auch ohne Notfallzeichen. Bei dringlichen Beschwerden außerhalb der Praxiszeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117. Leichtere Beschwerden sollten Sie besprechen, wenn sie nicht nachlassen oder nach dem Infekt bestehen bleiben. Für nicht akute Beschwerden können Sie eine Online-Beratung anfragen – klarer starker Drehschwindel, Hörverlust oder Notfallzeichen brauchen jedoch eine persönliche Untersuchung.

Was Sie selbst tun können

Bei leichten Beschwerden ohne Warnzeichen:

  • Bewegen Sie sich nur mit sicherem Halt; vermeiden Sie Sturzrisiken, Autofahren und Arbeit in Höhe.
  • Stehen Sie langsam auf und setzen Sie sich hin, sobald Ihnen schwindelig wird.
  • Trinken Sie regelmäßig und essen Sie nach Verträglichkeit.
  • Führen Sie keine Schwindeltests oder Lagerungsübungen auf eigene Faust durch, solange die Ursache unklar ist.

Häufige Fragen zu Infektionen und Schwindel

Kann eine gewöhnliche Erkältung Schwindel auslösen?

Ja. Einerseits über die Belastung des Kreislaufs, andererseits über eine gestörte Belüftung des Mittelohrs oder als Auslöser einer Vestibularisneuritis. Schwindel ist aber keine automatische Folge jeder Erkältung – neue starke Beschwerden gehören abgeklärt.

Welcher Infekt verursacht den stärksten Schwindel?

Der heftigste, länger anhaltende Drehschwindel wird häufig durch eine Vestibularisneuritis oder Labyrinthitis verursacht – Entzündungen im Innenohrbereich. Die genaue Unterscheidung braucht eine ärztliche Untersuchung.

Wie lange dauert Schwindel nach einer Infektion?

Das hängt von der Ursache ab. Kreislauf- und Erschöpfungsbeschwerden bessern sich meist mit der Erholung. Eine Vestibularisneuritis kann dagegen mehrere Tage stark bleiben und sich über Wochen zurückbilden. Anhaltender oder wiederkehrender Schwindel sollte untersucht werden.

Muss Fieber dabei sein?

Nein. Auch ohne Fieber kann eine Infektion Schwindel auslösen – etwa durch Flüssigkeitsverlust oder eine Beteiligung des Innenohrs. Umgekehrt ist Schwindel mit hohem Fieber und starkem Krankheitsgefühl immer eine Situation für eine zeitnahe Abklärung.

Dieser Beitrag dient Ihrer Information und ersetzt keine persönliche ärztliche Untersuchung.

— Dr. med. Kathrin Hamann

Quellen

Redaktionell geprüft am 19. Oktober 2026.